Einführung von Pfarrerin Kathrin Frowein Drucken
Geschrieben von: Dekan Seegenschmiedt   
Sonntag, den 11. März 2007 um 00:00 Uhr
Liebe Kathrin Frowein, liebe Schwestern und Brüder!
Wochenspruch Lukas 9, 62
„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Das Evangelium des heutigen Sonntags, Okuli genannt, hat es in sich, genau so wie der Wochenspruch. Es ist die Geschichte von Menschen, die an einer Lebensweiche stehen, vor einer Entscheidung („Soll ich mit Jesus gehen, also einer seiner Jünger werden oder soll ich nicht besser da bleiben, wo ich bin?“) Diese Menschen werden von Jesus irritiert werden, sie werden verunsichert.
Ich will die Geschichte jetzt noch mal anders erzählen:
1.
Auf einer Wanderung unterwegs sagt einer zu Jesus:
Ich will dir folgen, wohin du gehst. Jesus antwortet ihm:
„Das ist aber schön! Ich freu mich drüber. Komm mit! Dann sind wir einer mehr. Und mehr können wir immer gebrauchen!“
So wurde dieser Mensch einer von den Freunden Jesu und zog mit ihm durchs Land. Er teilte das ungesicherte und gefährdete Leben Jesu, den Hunger, wenn sie nichts zu essen und den klaren, aber auch kalten Nachthimmel, wenn sie nichts zum schlafen hatten. Als es für die Jünger immer gefährlicher wurde, weil Jesus angefeindet wurde, da beschwerte er sich bei Jesus:
„Wieso hast du mir nicht gleich erzählt, worauf ich mich da einlasse, was mich erwartet? Hätte ich geahnt, wohin dein Weg mich führt, wäre ich nie mit dir gegangen. Ich hatte gedacht, bei dir ist es angenehm und bequem.“
Und ärgerlich ging er davon, ohne Jesu Antwort abzuwarten.
Wenn man es bei Ihnen, liebe Frau Frowein, genauso gelaufen wäre, säßen Sie sicher nicht mehr hier. Sie haben sich ganz schön durchs Pfarrerinnen-Dasein durchkämpfen müssen. Es hat Sie an einer Stelle Ihres Lebens jemand an den Satz erinnert: „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen.“
Und so haben Sie sich einige durchaus schwere Etappen zugemutet bzw. zumuten lassen:
Studium Praktikum (Vollzeitpflege einer schwerbehinderten Seniorin) Seelsorgepraktikum in der JVA Aichach
1.3.1999 Pfarrerin z.A. - Spezialvikariat im Ausland in Tschechien
bei der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder
1. März 2002 Pfarrerin Pfarrstelle III Paul-Gerhardt-Kirche M-Laim
Und heute? Natürlich lieben wir alle hier die Laudatekirche und diese Gemeinde; wir kennen ihre Vorzüge und wie wunderbar es ist, hier Pfarrerin sein zu dürfen; wie großartig die Ehrenamtlichen sind und wie schön Kirche und Pfarrhaus ...
Apropos Pfarrhaus: Kathrin Frowein muss zwar nicht unter freiem Nachthimmel schlafen, aber einige Zeit noch pendeln zwischen München-Laim und Garching, einerseits, weil´s Pfarrhaus eben noch nicht fertig ist, andererseits der Familie zuliebe.
Also, wie soll ich´s halten mit Ihnen: soll ich Ihnen heute von dieser wundervollen Gemeinde vorschwärmen oder - mit Jesus gesprochen - Sie irritieren? Sie sind hier - zumindest als Pfarrerin - allein, Sie werden mit unzähligen Erwartungen konfrontiert, Sie werden bald auf eine Elisabeth Roth und einen Dr. Grosse verzichten müssen, wer weiß, wie das mit den Finanzen weitergeht ...
dennoch bin ich bei Ihnen zuversichtlich, dass Sie noch immer wie bei Ihrem Kandidatenfragebogen, den Sie für das LKA ausfüllen mussten, sagen würden: „Ich freu mich auf diesen Beruf.“ Wie schön!
Es gibt ja diese Tendenzen, es Menschen im Glauben zu leicht und zu schwer zu machen. Es gibt eine Theologie, die betont ständig den Absolutheitsanspruch Gottes und fordert Verbindlichkeit ein. Das macht manchmal Menschen so klein, dass man krank werden könnte. Schließlich haben wir ja von einer befreienden Botschaft zu reden. - Aber sicher ist auch: „Wenn wir den Gemeinden immer nur vom ‚lieben‘ Gott erzählen, der das Leben heller, schöner, einfacher macht, dann kehren sie ärgerlich um, wenn sie an Lebenskreuzungen kommen, die ihnen Leid und Kummer machen.
2.
Aber erzähle ich mal meine Geschichte weiter:
Jesus sprach zu einem andern: Folge mir nach!
Der sprach aber: Ich will dir folgen, Herr, aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
„Ja, gut“ antwortete ihm Jesus. „Feiere ein schönes Abschiedsfest im Kreis deiner Familie. Familie geht schließlich vor!“ Nach dem Fest kommt er wieder zu Jesus uns sagt: „Ich würd ja jetzt gern mit dir gehen, aber ich fühl mich nicht gut. Erlaube mir, dass ich mich erst mal einem gründlichen ärztlichen Check unterziehe.“
„Dagegen ist nichts einzuwenden“, sagt Jesus. „Schließlich kommt ja als erstes und allerwichtigstes die Gesundheit! - Weißt du was ... Mach ruhig deinen Check, aber erlaube mir, dass ich weiterziehe. Ich lass dir gern eine Bescheinigung hier, dass du eigentlich gern mein Nachfolger geworden wärst, wenn nicht immer noch was Wichtigeres dazwischen gekommen wäre.“
Wie lässt sich unser Beruf, liebe Frau Frowein, mit seinen vielen Abendterminen und nächtlicher Predigtvorbereitung und vielem anderen ... eigentlich mit Familie, mit Kindern, mit Gesundheit vereinbaren? Dass das schwierig ist, liegt auf der Hand.
Und damit es geht, braucht es unabdingbar einen Kirchenvorstand und Kolleginnen und einen Chef, der sagt: „Jetzt lass auch mal gut sein! Du bist nicht für das Reich Gottes verantwortlich. Und Gemeinde wächst, auch während wir schlafen!“
Ich sag das ganz bewusst, denn Sie haben im Kirchenvorstand eine Pfarrerin gewählt, die - wie andere auch - die Rolle als Gemeindehirtin unter einen Hut bringen muss mit den nicht weniger wichtigen Rollen als Ehefrau und Mutter.
Und es ist ja herrlich, sich vorzustellen, wie da in der Niels-Bohr-Straße wieder Kinderlachen und Babygeschrei dicht neben dem Gemeindehaus zu hören sein werden, oder das Streiten und Versöhnen von Eheleuten.
Es ist großartig, wie Sie beide, Helge und Kathrin Frowein, nun seit über 10 Jahren das miteinander in Einklang bringen: Haushalt und Gemeindearbeit, Abwasch und Gottesdienst. Ich freu mich sehr, dass Sie, lieber Helge Frowein, einer jener wenigen Vorzeigemänner sind, die die Rollen umschmeißen, die in unserer Gesellschaft über die Lastenverteilung in der Familie noch so rumgeistern.
Und ich bin ganz entzückt über Euch drei, Tanja, jetzt bald Gymnasiastin, Julia, bald Grundschülerin und Katja, die bald den Evangelischen Kindergarten in Garching kennenlernen wird.
Wird es Ihnen fünfen gelingen, das in Einklang zu bringen? Ich wünsche es Ihnen sehr, wenn ich auch weiß, wie schwierig das oft ist. Ich wünsch Ihnen, dass Sie hier in der Gemeinde Menschen finden, die Ihnen diese Familienseite, das Privatleben gönnen und Sie daran erinnern und ihre Erwartungen am gut Lebbaren orientieren.
Sonst hätten die Katholiken ja doch recht mit ihrem Zölibat, der Ehelosigkeit. Ach ja, da muss ich natürlich noch einflechten, dass Kathrin Frowein einen „ökumenischen Hintergrund“ hat. Immerhin war sie mal katholisch. Wäre das noch heute so, wären Sie freilich nicht Pfarrerin. Vielleicht wären Sie immer noch Ministrantin, wie damals ... Aber so sind Sie vor Ihrem Theologiestudium 1989 evangelisch geworden und haben das so nett begründet, das muss ich glatt vorlesen: „Obwohl viele Aspekte ihrer Lebensäußerung meinem Naturell durchaus entsprechen, gelangte ich doch zu der Einsicht, dass ich - plakativ ausgedrückt - zumindest dogmatisch eher mit Luther als mit dem Papst sympathisiere.“ Ich hoffe sehr, liebe katholischen Brüder und Schwestern, Sie hören das mit Neugier und Sympathie. Denn mit Kahtrin Frowein haben Sie jemand vor sich, die mehr von der katholischen Kirche weiß als viele andere. Nun, das kann ja der Ökumene nur gut tun.
3.
Dritter Teil meiner Erzählung:
Da kommt einer zu Jesus und sagt: „Ich gehe mit dir, doch ich muss zuvor hingehen und meinen Vater begraben.“ - „Selbstverständlich!“ sagt Jesus. Ich warte hier so lange. Die Verkündigung des Evangeliums hat Zeit. Nach der Beerdigung sagt Jesus zu ihm: „So, jetzt komm!“ - „Ja, gleich!“, sagt der Mensch. Ich muss nur noch schnell den Haushalt meines Vaters auflösen.“ - Gut“, sagt Jesus. Tu das. Auf ein paar Tage kommt´s jetzt auch nicht mehr an. Wir warten.“ - „Das ist wirklich freundlich von dir, Jesus. Aber - ehrlich gesagt - ich hatte es auch nicht anders von dir erwartet!“

Liebe Schwestern und Brüder,
machen wir uns nichts vor: nicht nur der Beruf einer Pfarrerin, auch der Dienst von Ehrenamtlichen in einer Gemeinde und unser Leben als Christen, ist kein Zuckerschlecken. Das darf es auch sein, eine wahre Freude, aber es hat etwas mit dem Leben und seinen leidvollen Erfahrungen und Schwierigkeiten zu tun, mit dem Mangel an Zeit, an Liebe, an Frieden, an Gerechtigkeit in der Welt. Und deshalb verunsichert Jesus die Menschen, die mit ihm gehen. Aber im Wochenspruch gibt er die Richtung vor, die einzig hilfreich ist, gerade in Zeiten von Veränderung:
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück,
der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Im Evangelium für den heutigen Sonntag geht es um Menschen,
die im Auftrag des Herrn unterwegs sein sollen oder wollen.
Dummerweise fragt Jesus dabei tiefer.
Er belässt es nicht dabei, dass jemand sich schwarz verkleidet,
gewissermaßen in einen Talar schlüpft und dann machen kann, was er will.
Jesus mutet uns zu, nicht an vermeintlichen Sicherheiten zu kleben, nicht auf Rückzug zu schielen, sondern auf Vertrauen.
Vielleicht konnte sich Jesus besonders darum für Menschen öffnen, die innerlich heimatlos waren, weil er selbst keine äußeren Sicherheiten pflegte. Die innere Heimat, darum ging es ihm: die Suche nach Gemeinschaft, nach Wärme, nach dem Evangelium, nach Hilfe in schwierigen Situationen. In seinem Auftrag sind Sie unterwegs!
Wer seine Hand an den Pflug legt und zurück sieht, den kann Gott nicht gebrauchen, wenn er seine Herrschaft aufrichten will.
Man kann sie also erkennen, die im Auftrag des Herrn unterwegs sind: Es sind die, die nach vorne schauen, sich nicht in Re-Signation üben und sich nach alten Zeiten sehnen.
Jesus sagt: Die sind im Auftrag des Herrn unterwegs, die um des Lebens willen immer wieder neu Vertrauen wagen, die immer wieder neu nach friedlichen Lösungen suchen, immer wieder neu die eigenen Ansprüche überdenken und von Jesus zurecht rücken lassen. Es geht dabei um den Mut, unser Leben heute nicht von den Erfahrungen der Vergangenheit abhängig zu machen, sondern immer wieder wie Petrus zu sprechen:
„Auf dein Wort hin, Jesus, will ich erneut die Netze auswerfen!“
Sie sind im Auftrag des Herrn unterwegs, liebe Pfarrerin Frowein. Woran sind zu erkennen, die im Auftrag des Herrn unterwegs sind? Ganz einfach: Sie tragen den Namen des heutigen Sonntags: Okuli: meine Augen sehen stets auf den Herrn. Darum geht es in der Nachfolge Jesus.
Stets Gott und seine Einladung zum Leben im Blick behalten.
In einem Lied von Clemens Bittlinger heißt es:
„Schritte wagen im Vertraun auf einen guten Weg,
Schritte wagen im Vertraun, dass letztlich er mich trägt,
Schritte wagen, weil im Aufbruch ich nur sehen kann:
für mein Leben gibt es einen Plan.“
In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, liebe Kathrin Frowein,
Ihrem lieben Mann Helge und Ihren Töchtern Tanja, Julia und Katja
gute Schritte im Vertraun auf einen guten Weg im Auftrag des Herrn und ein segensreiches Wirken in Ihrer neuen Gemeinde.
Amen.