Markus 16,9-16 - Gottesdienst mit Taufe Drucken
Geschrieben von: Pfr. Reindlmeier   
Sonntag, den 15. April 2007 um 14:50 Uhr
Liebe Gemeinde,

von Martin Luther haben wir gelernt, dass Taufe und Ostern sehr eng miteinander verbunden sind. Sterben und Auferstehen sind die zentralen Inhalte der Tage von Karfreitag bis Ostern. Vor 2000 Jahren ist in einem der hinteren Winkel des römischen Reiches ein Zimmermannssohn durch die römische Besatzungsmacht am Kreuz hingerichtet worden. Einige Frauen und einige seiner Freunde und Anhänger hatten 3 Tage nach seinem Tod eigenartige Erlebnisse. Schließlich kamen sie zur Überzeugung: Jesus ist zwar verstorben, aber er ist jetzt dennoch nicht mehr tot. Er lebt, er zeigt sich uns und er gibt uns Aufträge für das Leben in einer neuen Zeit. Und später hat ein besonders scharfsinniger Christusanhänger namens Paulus darüber nachgedacht, was die Taufe mit dem Sterben und Auferstehen Jesu zu tun haben könnte. Er hat gesagt, in einer Weise, die sich im Grund nicht präzise beschreiben lässt, nehmen alle Getauften am Sterben Jesu und am Auferstehen Jesu vom Tod teil. Martin Luther war ein bisschen beweglicher und volksnäher im Umgang mit der Sprache. Er hat es dann im Kleinen Katechismus so ausgedrückt:
(Wer hat das noch auswendig gelernt?) „ Was bedeutet denn solch Wassertaufen? Es bedeutet, dass der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen seinen Sünden und bösen Lüsten; und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“
Wenn ich jetzt an all die Taufen denke, die ich Laufe meines Pfarrersdaseins gehalten habe, dann muss ich eingestehen: davor habe ich immer zurück gescheut. Ich mochte nicht vom Sterben und Auferstehen reden, wenn ich da ein kleines Kind vor mir sah, das vielleicht gerade mal ein paar Wochen kostbares Leben hinter sich hatten. Ich mochte da auch nicht mir so einen finsteren alten Sünder namens Adam vorstellen, der tief im Wasser untergetaucht werden musste und der dann prustend als erneuerter junger Mann wieder auftauchte.

Mit Taufe habe ich immer ein fröhliches Fest des Lebens verbunden. Eltern freuen sich über ihr Kind, das gesund geboren wurde, aus der trauten Zweisamkeit eines Paares ist nun eine kleine Familie geworden, das Leben dreht sich um so ein kleines Zwergerl. Oder die Familie hat sich weiter vergrößert, die Geschwister freuen sich sehr auf den Bruder oder die Schwester. So war das ja auch bei den Froweins: Als die Mama euch beiden Großen, der Tanja und der Julia erzählt hat, dass Nachwuchs ins Haus steht, seid ihr jubelnd durchs Haus getanzt, und das hat sich bis heute nicht geändert. Tanja möchte die kleine Schwester am liebsten gar nicht mehr aus den Händen geben. Und wenn Katja grantig ist und schlechte Laune schiebt, dann gelingt es der Julia mit Herumhüpfen und Singen, ihr doch wieder ein Lächeln zu entlocken. Zumindest hat mir das eure Mama so gemailt. Und es gehört ja zu unserer Berufsehre, dass wir nichts falsches behaupten. Sie hat mir übrigens auch strengstens verboten das Wort vom Drei-Mädler-Haus zu benutzen. Und daran muss ich mich jetzt leider halten. Ich hätte so gerne ein wenig darüber geredet, wie das so ist, wenn drei junge Mädchen und ein etwas gereifteres unter einem Dach wohnen. Aber das darf ich ja nicht.
Ich war ja jetzt eigentlich dabei zu beschreiben, was viele mit der Taufe verbinden. Also, manchmal freuen sich alle, weil die Familie größer geworden ist. Großeltern strahlen um die Wette, wenn sie die Schar ihrer Enkel zählen. Manchmal denkt man auch traurig daran, dass die eine Großmutter nicht mehr dabei sein kann. Man trifft sich, feiert in der Kirche eine fröhliche Taufe und anschließend gibt es was gutes zu essen und trinken.
Das ist auch gut so, wenn die Taufe ein fröhliches Fest mit fröhlichen Menschen ist, die gute Laune haben und Positives im Sinn haben.

In den letzten Jahren habe ich dazu gelernt, dass das noch nicht alles ist. Ich arbeite seit einigen Jahre in der Klinikseelsorge. Dazu gehört es auch, dass ich manchmal Kinder im Krankenhaus taufen muss. Und so eine Taufe in der Intensivstation ist nun nicht mehr ein richtig fröhliches Fest. Es ist manchmal ein Zittern und Zagen, ob dieses kleine Kind, das ganz vorsichtig mit einem Tropfen Wasser getauft wird, den nächsten Tag noch erleben wird. Solche Taufen haben mich gelehrt, dass Taufe und Tod und Auferstehen doch zusammenhängen.
Bei solchen Taufen habe ich gelernt, mir vorzustellen, wie Gott sich neben das Bett so eines Kindes stellt, wie er mitbangt um dieses kleine, bedrohte Leben und wie er auf seine Weise darum kämpft, dass dieses Kind leben darf.. Es geht darum, etwas Böses niederzukämpfen und zu ersäufen. Dieses Böse ist nicht ein sündiger Adam. Dieses abgründig Böse ist die Bedrohung eines neugeborenen, eines noch ganz jungen Lebens. Es ist etwas Böses, etwas Gemeines, wenn Eltern ihr kleines Kind vor der Zeit genommen wird. Und gegen dieses Böse kämpft Gott in der Taufe mit an. Denn Gott ist ein Gott der Schöpfung, des Lebens, ein Gott, der verheißen hat, dass der Tag kommen wird, an dem wir nicht mehr Angst haben müssen um unser Leben. Daran erinnert die Taufe. Das soll zum Ausdruck kommen: diese Leben von Katja ist wertvoll und schützenswert. Sie soll mit ihren einmaligen Fähigkeiten und Eigenschaften diese Schöpfung Gottes bereichern. Diese Welt wird reicher um einen weiteren einmaligen Gedanken Gottes, der in ihr Gestalt gewonnen hat.

Gott möchte, dass in dieser Welt die Versöhnung, die Güte, das Vertrauen, die Liebe immer mehr Raum gewinnen. Davon hat Jesus den Menschen erzählt und seinen Anhängern den Auftrag gegeben, diese Botschaft über seinen Tod hinaus zu erhalten und weiterzugeben. In der Taufe kommen wir diesem Auftrag nach. Sie ist das Fest des Lebens, sie drückt unser Vertrauen zu einem Gott aus, der unser Leben schützen und pflegen will.

Das waren jetzt ein paar schwerere Gedanken, die ich aber nicht weglassen wollte. Jetzt möchte ich aber von der überschwänglichen Liebe Gottes, die in der Taufe ausgedrückt wird, noch reden. Und zwar mit Hilfe eines Kinderbuches. Meine Frau hat dieses Buch vor einiger Zeit für den Kindergarten besorgt. Als ich es mir angeschaut habe, habe ich gleich beschlossen: das werde ich bei der Taufe von Katja verwenden. So gut hat es mir auf Anhieb gefallen.
Die Hauptfigur ist das Mäusekind Alberta. Alberta ist ein kluges Kind und hat meiner Meinung nach viel von der Liebe Gottes verstanden, die in der Taufe so wichtig ist. Alberta weiß von dieser besonderen Klugheit zwar nichts, aber das tut dem keinen Abbruch.

Die Geschichte beginnt im Frühling: „Mama Feldmaus steckt den Kopf aus ihrem Bau. Sie blinzelt. 4 Monate hat sie mit ihrer Tochter Alberta unter der Erde Winterschlaf gehalten. Jetzt brauchen die Augen eine Weile, um sich ans Tageslicht zu gewöhnen. Sie klettert aus ihrem Bau, reckt sich und streckt sich in der warmen Luft. Wie schön es draußen ist. Wie herrlich es duftet. „Alberta“, ruft Mama Feldmaus, „wach auf!“ Seite 3-4 lesen: Verschlafen kommt Alberta aus dem Bau...)
Die Frage nach der Liebe lässt Alberta nicht in Ruhe. Noch dazu, wo auch die Mama so schwärmt von dieser rätselhaften Liebe: Sie lässt dein Herz Purzelbäume schlagen und sie lässt dich vor lauter Glück bis in die Wolken springen. Jetzt muss Alberta diese Liebe suchen. Das muss ja etwas besonders tolles sein. Sie verabschiedet sich nach einem kräftigen Frühstück von der Mutter und zieht los. Jetzt im Frühling sieht sie die Knospen an den Bäumen, sie kann an den ersten Frühlingsblumen riechen, sie begrüßt die anderen Tiere, die aus ihren Winterquartieren kriechen. Nur - von der Liebe sieht sie nichts. Sie ärgert sich, weil sie ihre Mutter nicht gefragt hat, wo genau die Liebe im Frühling erwacht. Auf den Bäumen? Zwischen den Gräsern? Am Ufer des kleinen Sees? In Gedanken versunken, mit gebeugtem Kopf trottet Alberta vor sich hin und grübelt wegen dieser komischen Liebe. Auf einmal macht es plötzlich Plong, Alberta ruft Aua! und reibt sich den Kopf. Vor ihr steht ein junger Mäuserich, der sich ebenfalls den Kopf reibt. Erst beschimpft jeder den anderen, weil er nicht aufpasst. Und dann fragt Alberta, was der Mäuserich eigentlich da macht. „Ich suche die Liebe“ sagt der. Das ist ja ein netter Zufall. Schließlich beschließen die beiden, gemeinsam diese Liebe zu suchen, die sich so gut versteckte. Sie gehen zu Bäumen am Rand der Wiese. „Die sind aber hoch“ sagt Alberta. „Also ich glaube nicht, dass die Liebe auf den Bäumen ist,“ sagt Fred, der Mäuserich. „Dort könnte sie viel zu leicht herunterfallen.“
So stelle ich mir das mit Gottes Liebe auch vor. Die schwebt auch nicht weit droben über uns, wo wir sie nicht sehen und spüren können. Sie ist auch nicht so kompliziert und anspruchsvoll, dass sie uns praktisch in luftige Höhen entschwebt, weil wir sie in Gedanken und mit dem Herzen kaum fassen können. Nein, wenn wir aus der Liebe Gottes etwas allzu Schwieriges machen, etwas, das viele Gedankenverrenkungen braucht, dann ist sie in Gefahr, einfach herunterzufallen. So ein schwieriger Gedanken zur Liebe Gottes ist etwa die Frage, wie Gott es trotz seiner Liebe zulassen kann, dass ein kleines Kind, das getauft wird, schwer und lebensbedrohlich erkrankt. Das braucht schon viele Verrenkungen, um das zusammenzubringen. Ich würde ganz einfach sagen: Gott will das ganz sicher nicht und er lässt es auch nicht zu. Aber es gibt in dieser Welt Böses und Schlechtes, das unser Leben bedroht. Und die Liebe Gottes hat sich dagegen noch nicht durchgesetzt. Darum leidet Gott am Krankenbett mit und kämpft mit aller Liebe für sein geliebtes Geschöpf. Die Liebe Gottes ist uns so nah wie das Wasser, das bei der Taufe über den Kopf gegossen wird.

Alberta und Fred suchen als nächstes die große Wiese ab. „Also, ich weiß nicht,“ meint Alberta, „wenn die Liebe auf dem Boden läge, dann würde ja jeder auf ihr herumtrampeln.“ Vielleicht ist das manchmal so mit Gottes Liebe. Mit ihr wird so achtlos umgegangen, als ob sie auf dem Boden herumliegen würde. Wir reden ja oft recht inflationär von dieser Liebe, überdecken alles und jedes mit einem Liebesbrei. Denn mit der umfassenden Liebe Gottes lässt sich scheinbar vieles erklären, beschönigen, entschuldigen. Gott legt seine Liebe aber nicht wie ein Stück Abfall auf den Boden. Auch wenn Gottes seine Liebe verschwenderisch und bedingungslos an seine Geschöpfe austeilt, ist sie noch lange nicht überflüssig oder nebensächlich.

Zurück zu Alberta und Fred. Nach einer langen, erfolglosen Suche nach der Liebe setzen sie sich erschöpft nebeneinander hin. Und auf einmal spüren beide etwas. Da kribbelt es im Bauch, als ob Schmetterlinge drin wären, sie sehen sich in die Augen - und auf einmal ist ihnen klar: die Liebe ist schon da. Sie müssen nicht länger suchen, sondern haben die ganze Zeit schon die Liebe erlebt.
Ich halte dieses Erleben für ein wunderschönes Symbol dafür, wie die Liebe Gottes für uns Menschen sein kann. Wir gehen durch unseren Alltag, fragen vielleicht manchmal nach Gott und seiner Liebe – und dabei bewegen wir uns dauernd in einem großen Raum der Liebe Gottes. In der Taufe eines kleinen Kindes, ganz am Anfang seines Lebens, sprechen wir die ganze Liebe Gottes zu. Ein kleiner Mensch wird eingehüllt in das große Ja Gottes. Das geht nicht mehr verloren. Was immer auch sein wird, Katja ist und bleibt bejaht, geliebt, getragen. Das ist ihr kleines Stück Himmel, das sie immer mit sich tragen wird.
Amen.