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Predigt zum Reformationsfest PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Donnerstag, den 03. November 2016 um 08:46 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

in meiner Herkunftsfamilie in meiner Kinderzeit hatte mein Vater das Sagen.

Was er angeordnet hat, das wurde gemacht;

aus Tradition, und weil es immer schon so war, und weil es der Papa so angeordnet hat.

Man durfte ihm ruhig seine eigenen Überlegungen vortragen, wenn man abweichende Vorstellungen hatte. Die hat er sich angehört - und dann hat er etwas gesagt, das fing an mit "Ich gebe aber doch zu bedenken, dass...." -und dann kam sein Standpunkt, und so wurde es dann gemacht.

Einmal hab ich mir gedacht, das müsst doch bei mir auch funktionieren, oder?

Er hat mir erläutert, was ich zu tun habe, und wie -;

mir hat das nicht recht gepasst. Also hab ich ihm zugehört, wie er seine Anordnungen gegeben hat, und dann hab ich was gesagt, das fing an mit "Ich gebe aber doch zu bedenken, dass....!"

Er hat eine Augenbraue hochgezogen und abgewunken: "Stell deine Bedenken beiseite!"

Geheiratet hab ich dann einen Mann, der ist das andere Extrem.

Irgendwas einfach nur tun, weil man das immer schon so gemacht hat,

oder aus Tradition,

oder weil es jemand (ich) so angeordnet hat

das gibts ja bei meinem Mann gar nicht.

Der stellt alles in Frage.

Bei der Hochzeit ging es schon los: Muss man Ringe tauschen?

Muss es der Mann sein, der die Familie ernährt, und die Ehefrau bleibt bei den Kindern?

Muss man im Sommer ans Meer? und falls ja, mit dem Auto? dem Flugzeug? mit der Bahn?

Braucht man überhaupt ein Auto?

Kauft man das Fleisch beim Metzger oder beim Aldi? Kauft man überhaupt Fleisch?

Muss an Heilig Abend ein Christbaum im Wohnzimmer stehen?

Müssen die Pfarrerskinder sich konfirmieren lassen?

Muss man Wäsche zusammenlegen, eh man sie in den Schrank tut, oder geht es auch anders?

Und jetzt sind unsere Kinder schon so groß, es diskutieren also nicht nur er und ich, sondern alle fünf; manchmal find ich es ein kleines bißchen anstrengend.

Kam was ist einfach selbstverständlich, etwa "weil es alle so machen".

Immer muss ich in mich gehen und überlegen; meinen eigenen Standpunkt suchen und finden, abgleichen, geht es mir gut damit? hab ich da ein gutes Gefühl, ein gutes Gewissen dabei? und dann muss ich ihn, den Standpunkt, auch noch begründen und vertreten...

Und es darf eben alles in Frage gestellt werden, kaum etwas ist tabu, kaum was in Stein gemeißelt.

Ich will jetzt nicht meinen Papa mit dem Heiligen Vater gleichsetzen und meinen Mann nicht mit Martin Luther; aber die eine oder andere Analogie gibt es schon:

Mein Papa hatte das Monopol auf die Deutung und die Vermittlung von Traditionen meiner Familie.

Bei den Katholiken hat der römische Klerus das Monopol auf die Deutung und Vemittlung der Religion. So, wie es der Papa haben will, so wird es gemacht.

Und bei den Evangelischen wird im Idealfall permanent diskutiert.

Jeder steht persönlich vor seinem Schöpfer, jeder ist an die Stimme seines eigenen Gewissens gebunden, jeder soll die Heilige Schrift selber lesen, selber verstehen, selber auslegen und deuten, als mündiger Christ.

Die evangelische Kirche hat ja manchmal das Image, eher zeitgemäß zu sein, eher liberal; ob Geschiedene nochmal heiraten können oder wer zum Abendmahl gehen darf..., da heißt es dann immer mal "Ihr Evangelischen, ihr nehmts es ja nicht so genau!"

Manchmal soll das ein Kompliment sein, ist anerkennend gemeint.

Mir passt das gar nicht, denn es stimmt so nicht.

Wir schreiben den Leuten nicht vor, was bei ihrer eigenen Auslegung der Heiligen Schrift, im Kontakt mit dem eigenen Gewissen und dem eigenen Glauben herauskommen soll.

Wir nehmen den Leuten nicht das Nachdenken ab - statt dessen sollen sie selber nachdenken, selber rausfinden, was für sie das richtige ist. Evangelische Menschen sollen selbst rauskriegen, was Gott zu ihrer Lebensführung und ihren Entscheidungen denkt, und sie sollen selbst verantworten, was sie tun und glauben.

Wir diskutieren nicht deshalb so vie bei den Evangelischen, weil es egal ist, was man tut und glaubt.

Sondern wir diskutieren, weil jeder selbst mit sich und seinem Gewissen im Reinen sein muss.

Die Reformation hat weltgeschichtliche Bedeutung gehabt, aus politischen Gründen, aber begonnen hat Luther die Rebellion aus ganz persönlicher Glaubensnot heraus.

Zum Ablasswesen, zu den Sakramenten und zur Autorität des Papstes.

Ma hat ihn aufgefordert, zu widerrufen.

Und von seiner Antwort auf diese Aufforderung kann sein Leben abhängen. Sein Gewissen war Luther so wichtig, dass er lieber am Scheiterhaufen gestorben wäre, als zu widerrufen.

Der Papst wollte den Ketzer vernichten.

Damit hat er einen Religionskampf ausgelöst, der die abendländische Glaubenswelt bis heute spaltet

Von wegen "Ihr Evangelischen, ihr nehmts es ja nicht so genau!"

Evangelisch zu sein heisst durchaus nicht unbedingt gleich liberal sein oder modern oder zeitgemäß oder großzügig. Evangelisch zu sein heisst erstmal vor allem anstrengend zu sein.

Jeder ist an sein eigenes Denken und Fühlen gebunden, an sein eigenes Gewissen, das eigene Herz.

Jeder einzelne steht persönlich vor Jesus Christus und muss mit ihm und mit sich selbst im Reinen sein. Und Jesus fordert Liebe. Und die findet sich vor allem erstmal im eigenen Herzen.

Sicher haben Sie schonmal Kindern erklärt, was man hört, wenn man eine Muschel ans Ohr hält.

Mit etwas Phantasie kann man denken, da rauscht das Meer!

Man hört aber nicht etwas Fremdes, außen, weit weg - sondern man hört den eigenen Herzschlag und das Rauschen vom eigenen Blut. Ich geb Ihnen nachher kleine Muscheln mit als Erinnerung: lauschen Sie nach innen, bei allem, was Sie tun und entscheiden, hören Sie auf Ihr Gewissen, stellen Sie alles in Frage und prüfen Sie alles, und das Gute behalten Sie (1. Thessalonicher 5,21).

Martin Luther ist angetreten, um das Christentum verständlich zu machen. Weg vom Latein, hin zur vom Volk gesprochenen Sprache. Er wollte die Kirche (die katholische Kirche!) mehr auf Gott beziehen, er wollte das Kirchenvolk mündig machen, ermächtigen und fordern.

Die Reformation ist nicht nur eine theologische Reformation; sie ist auch eine Bildungsreform. Jeder muss selber lesen können, jeder muss selber beurteilen und vor allem verstehen können.

Jeder Lehramtsstudent kriegt das eingebläut: wenn ich mir etwas selbst erschließe, dann lerne ich es nachhaltig und bin gleichzeitig motiviert, mehr begreifen zu wollen.

Was ist denn jetzt ein gutes Leben? Ein wünschenswertes, erstrebenswertes Leben?

Die Diskussion ist aus dem öffentlichen Leben ziemlich verschwunden. Wir sind auf den Konsum fixiert und auf Arbeit, den maximalen Ausstoß marktfähiger Produkte. Wir arbeiten, damit wir einkaufen können, und wenn wir uns mit dem Enkaufen dafür belohnen, dass wir so viel arbeiten, müssen wir nachher wieder mehr arbeiten, um den Konsum auch zu finanzieren.

Christen nehmen das künftige, das unsterbliche Leben als Maßstab, wenn sie urteilen über das gegenwärtige Leben. Was kann vor Christus bestehen?

Wie erfülle ich das Doppelgebot der Liebe und liebe meinen Gott über alles - und meinen Nächsten wie mich selbst? Wie bringe ich meine Pläne im Einklang mit meinen eigenen Vorlieben, meinem eigenen Temperament - und der Vorstellung, was Gott für gut hält und was er von mir fordert?

Nichts ist in Stein gemeißelt. Alles will in Frage gestellt und bedacht und auf Herz und Nieren geprüft und nach bestem Wissen und Gewissen beurteilt werden -

damit wir dann gerecht werden allein aus der Schrift, allein aus Gnade und allein durch den Glauben.

Wir sind Bettler. das ist wahr.

Ich schließe mit Worten von Jan Twardowski; vielleicht mögen Sie mitlesen - selber lesen, selber verstehen, Sie finden sie im Gesangbuch auf der SEITE 658;

Und bei der Musik nach der Predigt lass ich die Körbe durch die Reihen gehen mit den kleinen Muscheln als Erinnerung, hören Sie auf Ihr eigenes Herz...

 

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