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Ehe für alle PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Montag, den 17. Juli 2017 um 06:51 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

als ich klein war, fuhr mein Vater einen weinroten Ford Granada.

Er war überzeugt vom Preis-Leistungs-Verhältnis, vom Verbrauch, von der Ausstattung und so weiter; für mich als kleines Mädchen war also klar: das ist das einzig wahre Auto.

...und wenn uns ein anderer Ford Granada begegnet ist, dann hab ich gewinkt und gerufen: "ein Bruder-Auto, ein Bruder-Auto! Noch einer, der das einzig wahre Auto fährt!"

Ich hab mich nur immer gewundert:

Wenn der Ford Granada das einzig wahre Auto ist - warum fahren dann nicht alle Menschen Ford Granada?

Gibt es nicht genug Ford Granada für alle?

Oder dürfen die anderen nicht?

Stimmt mit denen was nicht?

Später hat mein Vater dann mal einen VW-Bus gefahren;

eine Zeitlang war ein Fiat 500 unsere Familienkutsche,

ein VW Käfer, danach ein Audi,

und mir dämmerte irgendwann: die Menschen sind verschieden

und ihre Bedürfnisse

und Möglichkeiten auch,

also fahren sie auch verschiedene Fahrzeuge.

Nur die Verkehrsregeln, die sind für alle gleich. Jeder, der autofahren will, muss lernen, wie Rechte und Pflichten verteilt sind. Jeder muss die Prüfung ablegen, jeder muss sich dran halten - sie schützen den Einzelnen, machen es einfacher, miteinander zurecht zu kommen.

Gabe - und Aufgabe.

Daran muss ich denken, wenn die Debatte hochkocht um die "Ehe für alle".

Müssen wirklich alle Ford Granada fahren?

Ist die klassische Ehe zwischen Mann und Frau die einzig wahre Lebensform?

warum gibt es dann so viele andere?

Dürfen Schwule und Lesben wirklich heiraten?

Dürfen sie wirklich vor den Altar treten und Gott um seinen Segen bitten für ihre Partnerschaft?

Die katholische Kirche hat eine Lehrmeinung dazu, die ist eindeutig. Nein.

Die evangelische Kirche hat keine Lehrmeinung, keine einheitliche theologische Haltung.

Ich schon, und ich will Ihnen meine gerne erklären; aber das ist dann nur meine Meinung. Nicht die der ganzen evangelischen Kirche.

Ich persönlich bin überzeugt, Ja, Gott segnet auch Ehen aus zwei Männern oder zwei Frauen.

Und ich hoffe, ich darf Ihnen das erklären:

Gott hat die Menschen auf Beziehung hin geschaffen,

keiner* von uns kann allein überleben, so wie wir alle auch ohne Gott nicht leben können.

Der Ford Granada, der Fiat 500, das Moped, das sind die Beziehungen:

völlig unterschiedlich, wie die Menschen und ihre Bedürfnisse.

Und genau wie für den Straßenverkehr gibt es für die Beziehung der Menschen auch sowas wie Verkehrsregeln:

Die Beziehungen unter uns Menschen sollen gekennzeichnet sein von 1. Treue, 2. Dauer und von 3. Respekt - so wie halt Gott auch selbst mit uns Menschen umgeht:

lebenslang, treu und respektvoll.

An der Ehe bildet sich exemplarisch die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen ab.

Hingebungsvolle, lebenslange Liebe in Treue und Respekt,

das sind die Verkehrsregeln, die für die Beziehungen unter uns Menschen gelten, für die ganzheitlichen Beziehungen, die wir Menschen brauchen und die unter besonderem Schutz stehen;

Rechtsform dafür ist die Ehe, sie hat eine gesellschaftlich tragende Funktion für die Erhaltung des Gemeinwesens und die Weitergabe des Lebens.

Die Ehe ist eine dauerhafte, umfassende, verbindliche und monogame Form der Lebensgemeinschaft. Eine im Vertrauen auf Gottes Hilfe eingegangene, freiwillige Selbstbindung aus geschenkter Freiheit heraus.

"Die beiden werden ein Fleisch sein", und so sind sie nun nicht mehr zwei, sondern eins -

zum Einswerden braucht es neben der körperlich-sexuellen auch eine geistig-seelische Beziehung zwischen den Partnern, die im anderen ein Gegenüber mit eigener Würde und eigenem Empfinden sieht.

Dazu ist die Ehe da.

Sie bietet Geborgenheit für Sexualität. Glück und Unglück werden geteilt. Eigene Interessen und Ziele werden nicht auf Kosten des anderen verfolgt. Sie schafft verlässliche Bedingungen für das Heranwachsen der nächsten Generation. Der Lebensraum der Ehe schützt die Liebe.

Für die Ehe gibt es bestimmte Rechtsformen - zB etwa wie das ist mit der Über- und Unterordnung der Eheleute zueinander

oder wie das funktioniert mit der Scheidung;

diese Rechtsformen und -normen sind zeitbedingt. Jesus hat die Rechtsform der Ehe zu seiner Zeit heftig kritisiert. Er hat sie massiv verschärft, dass das Verfahren zur Scheidung unfair ist.

Paulus hat dann später kritisiert, dass nur die Frauen die Männer lieben sollen; das hat er umgedreht, hat gesagt, ihr Männer, liebt eure Frauen genauso wie andersrum!

Das kam den Verheirateten damals vielleicht genauso schräg vor wie unsere Vorstellung heute, dass natürlich auch Frauen Frauen heiraten können und Männer Männer. Die "Ehe für alle", für alle Erwachsenen, wohlgemerkt.

Ich kenne die Bibelstellen wie etwa das Gebot "der Mann soll nicht beim Manne liegen" (Lev 18,22)

Aber das Wort Gottes ist doch nicht zeitlos. 

"Das Wort Gottes ist nicht zeitlos. Sondern es ist ewig. Wenn es aber ewig ist, dann muss es in jeder Zeit, in der wir Menschen es hören, unserer Zeit angemessen ausgelegt werden.

Das hat das Christentum immer getan – mit den Methoden der jeweiligen Zeit, mit den Themen der jeweiligen Zeit und mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit.

In der Frühzeit des Christentums waren familiäre Bande ein großes Hindernis auf dem Weg zum wahren Glauben. Drum sagt Jesus: wer ist meine Mutter, wer sind meine Geschwister? - die, die den Willen meines Vaters tun, die sind mir Bruder und Schwester und Mutter.

Im Mittelalter waren Frauen Gefäße des Teufels, weil sie Männer zu verführen in der Lage waren, und was tut der Teufel anderes, als Menschen zu verführen?

Diese Haltung führ dazu, dass sich in manchen Familien Frauen verschleiern müssen.

Im Jahr 2017, hier in Garching,

Brüder und Schwestern, das ist für mich ein Skandal - nicht die Ehe für alle.

Mitten unter uns leben Familien, die ihren Mitgliedern die Rechte aus der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vorenthalten und tun, als wären wir im Mittelalter!

Sie nehmen die Töchter aus dem Sportunterricht, sie lassen sie nicht auf Klassenfahrten mitfahren und verbieten den Aufklärungsunterricht, vom Jungfräulichkeitswahn und der Zwangsehe ganz zu schweigen; das verstößt gegen das Gebot der Nächstenliebe und gegen die Gottebenbildlichkeit.

Nicht die Ehe für alle.

Das Christentum hat gleich nach seiner Entstehung damit angefangen, biblische Vorschriften so auszulegen, dass sie mit dem eigenen Leben vereinbar sind, und: das Christentum ist durch die Aufklärung gegangen.

Und der Geist, der für diese Auslegungen in Anspruch genommen wurde, war nicht etwa der Zeitgeist, sondern der Heilige Geist!

Wenn ich jetzt die Ein-Eltern-Familie, die Homo-Ehe, die Patchworkfamilie gleichwertig neben die Familie des 19. Jahrhunderts stelle - dann tut es den einen weh, und die anderen jubilieren.

Aber die Kräfte der Beharrung sind naturgemäß immer erstmal stärker als die der Erneuerung - deshalb müssen sie aber nicht recht haben.

Als am 1. September 1958 Elisabeth Haseloffals erste Frau Deutschlands zur Pfarrerin ordiniert wurde, war es wohl ähnlich:

Auf der einen Seite eine große Freude, dass dieser Schritt nun endlich vollzogen wurde -

auf der anderen Seite eine große Empörung, weil die Frau in der Gemeinde doch nach wörtlicher Interpretation der Bibel zu schweigen habe (1. Kor 14,34).

Ich kann mir gut vorstellen, dass 1958 Fragen gestellt wurden wie diese:

"Seit wann gilt denn Gottes Wort nicht mehr?"

Mittlerweile ist es für uns evangelische Christinnen und Christen in Deutschland selbstverständlich, dass wir Frauen nicht nur ordinieren, sondern auch zu Bischöfinnen wählen. (Frank Muchlinsky)

Ihrem historischen Kontext entsprechend lehnt die Bibel gleichgeschlechtliche Sexualpraktiken als Ausdruck einer gestörten Gottesbeziehung ab;

aber die natürlich-organische Basis des Lebens wird mehr und mehr entziffert.

Wir sind durch die Aufklärung gegangen.

Deshalb verändert sich unser Bild vom Menschen, unsere Vorstellung, was normal ist.

Die heterosexuell liebenden Menschen, die klassischen Ehepaare aus Mann und Frau sind, denke ich, in der Mehrheit.

Erst, wenn sie etwa 40% einer Gruppe bilden, werden "die anderen", die Homosexuellen, nicht mehr als Außenseiter oder Fremdkörper wahrgenommen , sondern als Teil des Ganzen;

Denn Menschen mögen Menschen, die ihnen ähnlich sind. Denn wir haben dann das Gefühl, den anderen gut einschätzen zu können. Außerdem gibt mir ein ähnlich gestricktes Gegenüber das beruhigende Gefühl, selbst ganz okay zu sein.

Aber führen wir uns vor Augen, wozu die Ehe da ist!

Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung (Art 6 GG), weil sie wichtige Aufgaben und Lasten für die Gemeinschaft übernehmen,

zB in der Kindererziehung oder bei der Pflege alter, kranker und behinderter Menschen,

und weil sie (=Ehe und Familie) die zwischenmenschlichen Beziehungen ordnen, schützen und stabilisieren.

Keine Silbe muss man ändern, wenn da zwei Männer die Ehe schließen möchten oder zwei Frauen.

Gott, der Schöpfer, vertraut uns das Leben der ungeborenen und geborenen Kinder an. Sie sollen geschützt aufwachsen und sich entfalten, und in Zukunft selbst Verantwortung für das Leben der nachfolgenden Generationen übernehmen:

das gilt auch für Homosexuelle.

Es entspricht doch garantiert Gottes Willen, dass auch ihre Sexualität im Rahmen einer ganzheitlichen, liebe- und respektvollen, treuen, monogamen und lebenslangen Beziehung gelebt wird - statt im rechtsfreien Raum.

Dadurch, dass auch Homosexuelle die Ehe eingehen dürfen, werden die anderen Ehen, die heterosexuellen Ehen, doch nicht in Frage gestellt. Sie nehmen ihnen nichts weg.

Sie kennen die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg: die, die am frühen Morgen schon engagiert worden waren und den ganzen Tag schon im Weinberg geschwitzt haben, sie sind neidig auf die, die später kommen. Sie hoffen, dass sie dann mehr kriegen.

Aber der Weinbergbesitzer steht dazu: ich entlohne diese Neuen jetzt mit derselben Silbermünze wie bisher euch. Und er fragt: was siehst du so scheel drein, weil ich so gütig bin?

Kann ich nicht mit meinem Geld machen, was ich will?

Das gilt auch für seinen Segen!

- den Trau-Segen für zwei Menschen, die sich lieben und achten und treu sein wollen, bis der Tod sie scheidet.

Er verliert kein kleines bisschen an Wert, weil jetzt eine Lebensform dazukommt, die auch um Gottes Hilfe bittet für ein Leben in Treue, auf Dauer und in Respekt.

Und selbst wenn Gott was gegen Homosexuelle hätte: denken Sie doch an Jakob und Isaak! Jakob hat sich den Erstgeburtssegen erschlichen, er stand ihm überhaupt gar nicht zu! - drum war Jakob auch unsicher, ob der jetzt gilt oder nicht, und ist vorsichtshalber vor seinem Bruder geflohen.

Und Gott erschien ihm im Traum, und er sah die Leiter zwischen Himmel und Erde, an der die Engel auf- und abstiegen. Jakob hat sich den Segen ergaunert - und Gott hat ihn bestätigt.

Isaak war blind und hat versehentlich den falschen gesegnet, und trotzdem ist sein Segen gültig gewesen - denn nicht der Mensch segnet. Sondern Gott.

Ich kann und muss auch die heterosexuellen Paare nicht prüfen vor ihrer Trauung, ob auch nichts Kritisches meinen wachsamen Augen entgangen ist; im Gegenteil, ich kann blind sein und versehentlich die falschen segnen - trotzdem wird der Segen gültig sein, denn nicht der Mensch segnet, sondern Gott!

Ist es meine Aufgabe als Christin, Segen für liebevolle Beziehungen unter erwachsenen Menschen von dieser Welt fernzuhalten? Menschen wegzuschicken, die Gott um seinen Segen bitten und sich die Treue versprechen wollen?

Ist Sexualität nur untergeordnet unter den Wunsch der Fortpflanzung eine Gabe Gottes - und sonst ein Gräuel? Ich kann das nicht glauben.

Warum fahren nicht alle Menschen Ford Granada?

Weil ein Fahrzeugtyp nicht für alle passt!

Ich fahr heute Moped, und die Jutta fährt Fiat 500 und der Christian Mazda und der Radko Mercedes.

Die Menschen und die Bedürfnisse sind verschieden.

Die einen leben allein, die zweiten als Ein-Eltern-Familie, die dritten in kinderloser Partnerschaft oder Ehe, die nächsten in Fortsetzungsfamilien, die vierten in Wohngemeinschaften, und etliche leben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, mal mit und mal ohne sexuelle Beziehung, mal gewollt, mal ungewollt.

Gott will nicht Gleichförmigkeit.

Gott will Gottebenbildlichkeit.

auch für unsere Beziehungen, unsere Ehen:

in Treue, in Respekt und auf Dauer, in guten und schlechten Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod sie scheidet. Amen.

 

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