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Predigt zum Buß- und Bettag 2018 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Donnerstag, den 29. November 2018 um 13:37 Uhr

Offb 3, 14-22
Rev. 2014: Lk 13, (1-5)6-9 (Evangeliumslesung - s. Reihe I)

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Lieber Brüder und Schwestern,

manchmal krieg ich Blumen geschenkt - dienstlich, wenn jemand besonders dankbar ist für eine gelungene Feier zur Taufe oder Hochzeit oder so, oder privat, aus Sympathie oder bei einer Einladung.

Ich genieße dann den Duft, bewundere die Farben, die feinen Blütenblätter, Kunstwerke der Natur; ich staune auch über die Komposition, frage mich, verdiene ich überhaupt Blumen?

Wenn mich die Leute besser kennen würden, wenn sie wüssten/gewusst hätten, wie unvollkommen, wie wenig zufrieden ich oft mit mir bin - ob sie mir dann immer noch Blumen geschenkt hätten?

Ich konzentriere mich auf eine der Blüten, wie filigran und zart sie gemacht ist; in der Bibel steht, "seht ihr die Lilien auf dem Felde? Selbst Salomo in all seiner Pracht ist nicht gekleidet wie eine von ihnen...." (),

und ich schau an mir selber runter und bin unzufrieden mit mir und denke,

ich müsste doch eigentlich viel besser sein, oder? Viel mehr aus mir machen, perfekter sein, vollkommener, schließlich bin auch ich ein Kind Gottes, ein Werk meines Schöpfers,

und wenn es selbst eine Blume hinkriegt, perfekt zu sein, dann sollte ich das doch auch.

Ich müsste mich nur mehr anstrengen.

Vielleicht kennt das jemand von Ihnen so oder so ähnlich?

- ich stelle als Hinweis für diese Überlegung einen Rosentopf auf den Altar. (Es sind Plastikrosen, das macht nichts,) ich komme später nochmal darauf zurück.

Und Sie sind vielleicht heute abend in diesen Gottesdiesnt gekommen, weil heute Buß- und Bettag ist, und da bringen wir unsere Scham hin und nehmen uns vor, wir machens in Zukunft besser. Strengen uns noch mehr an.

Liebe Brüder und Schwestern, Sie sind hier genau richtig!

und Ihnen und mir gibt Gott heute abend einen entscheidenden Hinweis. Er korrigiert einen Fehler in unserem Denken.

Schauen Sie nochmal den Rosenstock an: wenn das ein Symbol ist für unser Leben, dann sind wir alle nicht die perfekten Blüten!

Sondern wir sind der Topf. "Wir haben unseren Schatz in irdenen Gefäßen!", schreibt Paulus; unser Schatz ist Gott, ist das Evangelium, die Schrift und der Glaube - das sind die Rosen. Und die irdenen Gefäße sind wir. Blumentöpfe.

Schlichte Töpfe, ruhig mit Macken und Sprüngen und Kratzern, das stört nicht, weil kein Mensch bei Blumen als erstes den Topf anschaut, und der Topf muss auch gar nicht schön sein - er muss nur Topf sein. Und wir Menschen, wir müssen alle gar nicht perfekt sein; wir müssen nur Mensch sein.

In der Offenbarung steht, nackt und bloß und jämmerlich und arm und elend.

Und wir sollen kalt oder heiss sein!

Wir sollen einsehen, wir sind nur Menschen, mit diesem Fehler und jener Macke, mit Unebenheiten und Wunderlichkeiten! elend, jämmerlich, blind und bloß, auf Gott angewiesen mit jeder Faser unserer Existenz! Da können wir gern dran rumdoktern, wenn wir meinen; aber perfekter werden wir davon nicht.

Sich der Selbstoptimierung zu widmen ist bewundernswert.

Mancher bringt enorme Opfer. Teure Fortbildungen und Therapien, schweißtreibende sportliche Übungen, mancher quält sich mit Programmen und Trainingsplänen und manch geißeln sich mit Selbsterforschung und Schuldgefühlen.

Nur, dass jemand bereit ist, jegliches Opfer zu bringen, um ein besserer Mensch zu werden, bedeutet nicht zwangsläufig, dass einem das auch gelingt;

manchmal sind gescheiterte und immer wieder scheiternde Anstrengungen auch ein Hinweis auf etwas, was wir gar nicht ändern können.

Sie tragen gar nicht so viel Verantwortung, wie Sie glauben; dir Möglichkeiten, sich selbst zu verändern, sind begrenzt, und das anzuerkennen ist der Schlüssel.

Meine Tante Hanne sagte immer, auch eine magere Kuh ist immer noch kein Reh; im Bild mit den Rose gesprochen, die Blüte bleibt immer die Rose und auch beim perfektesten Topf schaut jeder doch erst die Rose an; und die ist perfekt. Und darauf kommt es an. Der Topf muss Halt geben, muss stabil sein, muss die Feuchtigkeit speichern und einen festen Stand verschaffen. Blühen muss er nicht. Dazu ist er nicht da, und das liegt nicht in seiner Macht.

Ich wäre wirklich gern ein perfekter Mensch. Friedfertig und seelenruhig, sanftmütig und geduldig, von innen heraus. Ich möchte nicht nur hin und wieder so tun, als wäre ich ein guter Mensch; ich wäre gerne ein guter Mensch. Bin ich aber nicht. Ich bin keine Rose. Ich bin der Topf.

Und meine Möglichkeiten, mich zu verändern, sind begrenzt. Mich optimieren - vom Topf zur Blüte - das wird mir nicht gelingen. Ich sollte nicht länger drüber grübeln, mich nicht länger deswegen grämen; ich lebe mit Voraussetzungen, die ich mir nicht ausgesucht habe.

Vielleicht bin ich von Natur aus ein wütender Mensch.

Dann ist es für mich ungleich schwieriger und anstrengender, freundlich zu sein, als für einen grundfreundlichen Menschen mit einem sonnigen Gemüt.

Und wenn ich chronisch schlecht gelaunt bin, dann kann ich mich mit dem nicht vergleichen.

Sollte ich auch nicht, das lässt mich nur verbittern und die Wut noch heftiger kochen.

Ob ich mit mir zufrieden bin oder nicht, das darf ich nicht daran messen, ob ich im Vergleich zu anderen freundlich genug war, sondern ausschließlich daran, ob ich mir im Rahmen meiner Möglichkeiten Mühe gegeben hab oder nicht.

Es zählt nicht der Output. Es zählt der Input. Und den kann ich steuern, auf den hab ich Einfluss.

Hab ich genug geschlafen? Hab ich gefrühstückt? Hab ich genügend Pausen gemacht? Hab ich mich um mich gekümmert? Hab ich Gymnastik gemacht, Musik gehört und eine Entspannungsübung gemacht? Hab ich Gott um Hilfe gebeten, hab ich Ruhe gesucht bei ihm?

Wenn ich das alles getan hab, und ich bin immer noch grantig,

dann muss ich mich dafür nicht schämen, sondern nach oben gucken, vom Topf zur Blüte, und mit den anonymen Alkoholikern sagen:

Herr, gib mir die Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann;

die Kraft, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Vielleicht ist der Buss- und Bettag, ähnlich wie auch der Jahreswechsel oder der Geburtstag, ein Anlass für Sie, auf Ihr Leben zu schauen und kritisch zu prüfen: wo stehe ich? Was hab ich erreicht? Darf ich zufrieden sein?

Marktforscher tun das mit den Produkten ständig.

Aber unsere Biografie ist kein Produkt, ist nicht allein von Menschenhand; Sie können nicht alles steuern.

Da gilt auch schon für die Wirtschaft: entscheidender für den Geschäftserfolg ist womöglich viel mehr das Boot, in dem wir grad sitzen, als die Effizienz, mit der wir rudern. Mit anderen Worten:

Ob ein Produkt floppt oder boomt, liegt nicht nur an dem Produkt, sondern auch: - am Markt, - an der Zeit, - an der Weltwirtschaft,

an lauter Faktoren außerhalb des Produktes.

Und ob ein Mensch ein beeindruckendes Leben hinlegt oder nicht - das liegt an ganz vielen Faktoren, die er selber nicht in der Hand hat.

Wenn Sie mir einen technischen Vergleich erlauben: unser Leben ist nicht so sehr nur ein Fahrzeug, ein Auto zum Beispiel, das wir steuern könnten, wie wir das wollen.

Unser Leben gleicht mehr ganz allgemein dem Straßenverkehr. Das fließt, gesteuert von Gesetzen und Regeln, vom Verkehrsaufkommen, vom Wetter, von vielerlei völlig unabhängigen Faktoren nebeneinander gesteuert.

Und wenn ich für meinen Weg zur Arbeit viel länger brauche als jemand anders, dann heisst das nicht zwangsläufig, dass ich versagt habe. Ich muss mich jetzt nicht in Selbstvorwürfen zerfleischen, dass ich nicht schneller war als wer anders.

Aber möglicherweise sollte ich morgen dann ein anderes Verkehrsmittel nehmen (Moped) und eine andere Strecke, also die Faktoren beeinflussen, die ich beeinflussen kann. Damit bin ich beschäftigt genug.

Bezogen auf meine Sehnsucht, ein freundlicher, geduldiger Mensch für meine Umgebung zu sein, kann das etwa heissen, ich übe mich darin, Frieden für meine Seele zu finden; ich bemühe mich um gesunde Distanz zu meinen Gefühlen, zu einem guten Umgang, damit mich Wut oder Ärger oder Ungeduld nicht vergiften können.

Ich werde vermutlich weiterhin oft wie ein Rumpelstilzchen fühlen.

Ich werde vielleicht so tun, als sei ich keines; werd mich vielleicht manchmal so benehmen, als sei ich anders; aber ich bleibe ein innerlich manchmal sehr unfriedlicher Mensch.

Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf, stellt Gott schon nach der Sintflut fest. Das gilt auch für mich. Sonst hätte Christus nicht sterben müssen.

Aber ich akzeptiere, ich bin nur der Topf; ich muss mich nicht immer noch viel mehr anstrengen, um anders zu werden. Sehr viel anders werd ich nicht werden. Und ich brauch mich dafür auch nicht zu schämen. Ich bin nicht die Blüte. Ich bin der Topf.

Aber: ich bin Gottes Topf. Er kann mich, so wie ich bin, gebrauchen.

Und am besten gehts einem Blumentopf, wenn eine Blume hineingepflanzt ist; das ist seine Bestimmung. Genauso ist es mit uns Menschen: uns geht es am besten, wenn wir am innigsten mit unserem Gott verbunden sind, wenn wir Gefäße für ihn sind und mit ihm zu einer Einheit werden. Darauf hoffen wir, wenn wir der Ewigkeit entgegensehen;

und einen Moment lang dürfen wir diese Einheit immer wieder erleben beim Abendmahl. Gott gibt sich uns hin, und wir dürfen mit ihm verschmelzen und ihn uns einverleiben. Inniger geht es kaum.

Deshalb feiern wir heute Abend das Abendmahl.

Und vorher übergeben wir sie dem Feuer im Hof:

unsere Sehnsucht, immer noch besser, noch perfekter, noch erfolgreicher und unangreifbarer zu sein.

Unsere Schuldgefühle, dass wir uns nicht genug angestrengt haben,

unsere Scham, nur Menschen zu sein.

Das ist Buß- und Bettag.

Gott hat uns so gemacht, wie wir sind;

wir Menschen, wir müssen alle gar nicht perfekt sein; wir müssen nur Mensch sein. Und das ruhig heiß oder kalt, nicht nur irgenwie lau. Sondern so, wie wir sind.

Amen.

 

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