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Predigt zu Epiphanias PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Montag, den 07. Januar 2019 um 07:25 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

ich bin ja immer etwas betrübt, wenn im Advent schon die Christbäume geschmückt werden, nicht erst am Heiligen Abend;

aber richtig traurig find ich das jetzt, wenn die Leute schon die abgeräumten, die abgehalfterten Bäume hinter sich her zu den Sammelstellen zerren und sie dort zu großen Haufen aufeinanderschmeißen, obwohl doch Weihnachten noch gar nicht vorbei ist.

Heut ist doch erst Epiphanias, "Heilig Drei König" bei den Katholiken,

und diese Weisen aus dem Morgenland treffen doch nicht auf Christbaum-Sammelstellen und diese Organisations-Schachteln von Tchibo, wo man die Krippe und die Kugeln und die Lichterketten ordentlich wegverstaut bis zum nächsten November (oder Oktober, je nachdem) -

sondern die kommen zur Krippe! - und beten an.

Das Christkind ist doch immer noch da.

Diese Sensation des göttlichen Kindes - die ist doch nicht nach ein paar Tagen abgearbeitet wie das Festessen (Raclettekäse!) und der Gabentisch am Heiligen Abend, sondern wie bei jedem Menschenkind geht es mit dem Wickel- und Säuglingsalter jetzt erst so richtig los.

Bei den Krippen in den Kirchen oder auf Gemälden von der Weihnachtsgeschichte können sich die Künstler ja an den Weisen aus dem Morgenland gestalterisch so richtig "austoben", an den Kamelen und Elefanten, den bunten Gewändern, den Kronen und dem Schmuck... Und dann erst die Geschenke!

Während manches Kripperl durchaus im Oberland irgendwo stehen könnte: in Berchtesgaden vielleicht - mit Kaspar, Melchior und Baltasar wird´s exotisch und prachtvoll.

(Heribert Prantl sprach in der SZ mal vom "religiösen Zirkus Krone.") er schreibt: "Das exotisch Fremde hält Einzug in die Frömmigkeit, das zauberhaft Andere in der vertrauten, ins Heimische transportierten biblischen Szenerie."

Der Horizont unserer Weihnachtsgeschichte weitet sich:

raus aus der Wohnzimmeratmosphäre, wo unsere Christbäume und Gabentische stehen:

Wir waren neulich in einer Weltraum-Ausstellung, da war die Erdkugel dargestellt im Kreis der anderen Planeten im All; der eine eher braun und die Oberfläche voll Krater, der nächste hell wie die Wüste, bleich wie der Mond... Nur die Erde blau und grün und bewohnt, voller Leben.

Es lässt einen schon tief Luft holen und staunen, um sich vorzustellen: Genau hier, ausgerechnet auf diesem Planeten hätte sich Gott persönlich in einem Menschenkind irgendwo in einem Stall uns Menschen gezeigt.

Und dann erforschen Wissenschaftler diesen Weltraum, heute nicht anders als damals die Magier, die Weisen, die Sterndeuter aus dem Morgenland; genauso wie es heute Menschen gibt, die die Natur erforschen, oder immerhin fasziniert von ihr sind,

nur dass die sogenannten Heiligen drei Könige ganz offensichtlich in der Wissenschaft nicht die Erfüllung gefunden haben. In der Moderne gibt es ja immer wieder Menschen, die sagen, "ich suche Gott in der Natur, ich finde ihn eher auf einem Berggipfel oder beim Blick in den Sternenhimmel als in einer Kirche!"

Genau da, wo diese Menschen hin wollen - da kommen im Gegenteil die Weisen aus dem Morgenland her.

Sie sind von der Natur, von aller Wissenschaft unbefriedigt genug, sind neugierig und wissensdurstig genug, um einem Stern nachzuwandern bis zur Krippe in Betlehem.

Die Schriftgelehrten in Jerusalem, die Theologen, die sozusagen bloß um die Ecke gewesen sind, die sind nicht im Stall aufgetaucht. Die Naturwissenschaftler aus dem Orient schon!

Daran musste ich heuer bei der Konfirmation denken, vielleicht war von Ihnen jemand dabei.

Ines Hütter und ich hatten die muslimische Gemeinde eingeladen zur Konfirmation. Denen hatten wir ja durch Herrn Krause zum Fastenbrechen gratuliert; und jetzt haben im Gegenzug sie eine Delegation geschickt aus Jugendlichen und Erwachsenen, und unseren Festgottesdienst mitgefeiert und ein Grußwort gesprochen.

Da haben manche von uns etwas Mühe gehabt damit. Ich versteh das gut.

Dieses Bild von den orientalischen Weisen im Stall von Betlehem ist deshalb ein wichtiger Hinweis, eine Aufforderung, eine wichtige Mahnung: grenzt euch nicht ab gegeneinander, sondern geht im Gegenteil aufeinander zu.

Wir finden Gott nicht gegeneinander, im religiösen Wettlauf. Im Wettkampf. Die Könige sind ja offensichtlich nicht um die Wette gerannt. Es war auch egal, wer als erster an diese Krippe kommt. Die konnten sich ruhig absprechen, sich helfen bei der Orientierung, ruhig gemeinsam gehen, gemeinsam suchen, gemeinsam ankommen, gemeinsam anbeten;

und genauso können wir heute ruhig aufeinander zugehen, auch auf die Fremden, auch auf die Orientalen. Wir können, wir sollen gemeinsam suchen, miteinander, auch aufeinander warten, uns absprechen, aufeinander achten,

und uns gemeinsam führen lassen ins Unbekannte.

Ob das die Suche ist nach der religiösen Wahrheit,

oder einfach nur die Unsicherheit eines neuen Jahres, miteinander:

gemeinsam mit Naturwissenschaftlern,

gemeinsam mit Jugendlichen und Alten,

gemeinsam mit den Flüchtlingen,

gemeinsam auch mit den Katholiken und den Moslems

und mit all dem anderen Fremden, was diese Welt an Buntheit und an Staunenswertem zu bieten hat.

Eine Gesellschaft, vor allem auch eine Gemeinschaft von Christen muss Fremdes annehmen, muss sich bereichern lassen können und offen sein für das Ungewohnte und Neue.

Ich zitiere nochmal Heribert Prantl, er stellt fest: "Die Christen und die, die es einmal gewesen sind, tun sich manchmal schwer mit dem Islam-Dialog - oft auch deswegen, weil sie dem muslimischen Glaubensstolz und der Inbrunst vieler Muslime nicht viel entgegenzusetzen haben." (Zitatende - ) -

zum Beispiel, weil sie die Grundlagen des eigenen Glaubens gar nicht so recht kennen und:

weil hier immer von einem Kind die Rede ist an Weihnachten.

Was soll das mit diesem Kind? einem Gott als Baby, einem Baby als Gott?

Hier geht es ja nicht einfach drum, ein bürgerliches Kleinfamilienidyll zu zementieren:

in der Mitte das niedliche Einzelkind, Fürsorgeobjekt seiner Helikoptereltern, daneben, demütig kniend, die junge Mutter, die ihre Erfüllung darin findet, entbunden zu haben und künftig den Haushalt zu führen, während im Hintergrund der tapfere Ernährer über alle die Wache hält -

wenn Weihnachten nur dabei stehen bleibt, bei Rührung und Niedlichkeit und Idylle, dann hat es keinen tieferen inneren Wert.

Drum ist es für viele auch immer so schnell vorbei.

Ich erinnere mich an die Weihnachten meiner Kinderzeit; an Heilig Abend war alles idyllisch, mit leuchtenden Augen bei meinem großen Bruder und mir;

und spätestens am Nachmittag des nächsten Tages hatten wir Bauchweh von den Plätzchen und haben uns um die Geschenke gestritten.

Mein Vater wusste da immer ein schönes Fremdwort dafür, er nannte das "hedonistische Adaption", die Gewöhnung an den Genuß; meine Mutter hat das gleiche auf Deutsch gesagt und obendrein noch gereimt: "Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen!" Die Idylle von Weihnachten provoziert nicht mehr. An das Gute und Schöne gewöhnt man sich viel zu schnell.

Drum kommen da auch viele immer noch in die Kirche, die mit dem Glauben an einen allmächtigen, starken Gott ihre Schwierigkeiten haben: von Allmacht ist ja beim Christuskind keine Rede. Alles, was man Gott vorwerfen möchte: -

dass er das Leid und den Krieg nicht verhindert,

- dass er Krankheit und Hunger duldet,

- dass er nicht eingreift,

das kommt ja alles in der Krippe nicht vor.

Mit einem Baby kann man nicht diskutieren, das kann man nur anhimmeln.

Verfremden wir einmal versuchsweise unser Weihnachten! (es ist ja nicht mehr Heiliger Abend, wir sind wieder unter uns, da darf ich Ihnen mal etwas zumuten, darf provozieren, damit wir verstehen, was die ganze Geschichte eigentlich soll.)

Dazu müssen Sie ausprobieren, das nennt man negative Visualisierung.

Hab nicht ich erfunden, ist aus der Stoa; probieren Sie es mal aus.

Schließen Sie Ihre Augen und stellen Sie sich mal ausführlich vor, wie es zum Beispiel wäre, wenn Ihnen - ein Bein fehlt. Das rechte von mir aus. Malen Sie es sich ganz genau aus. Was das bedeuten würde für Ihren Alltag:

- was schwieriger werden würde,

- was fortan ganz unmöglich wäre;

- was Sie brauchen würden, an Umbauten etwa: zum Beispiel in Ihrem Bad, in Ihrer Wohnung, - zum Autofahren,

- für alle Verrichtungen und Erledigungen im Alltag: Krücken, Rollstuhl, Medikamente, Ärzte, ein Krankenhaus... stellen Sie sich alles ganz genau vor.

Wenn Sie dann Ihre Augen öffnen - dann werden Sie vielleicht genau dieses rechte Bein besonders schätzen.

Paulus macht das genauso, nur nicht mit dem rechten Bein, sondern mit der Liebe, im ersten Korintherbrief, ich les ein paar Verse:


Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.

Und das macht Gott mit der Weihnachtsgeschichte mit uns.

Wir sollen uns einmal vorstellen, Gott wäre wirklich hilflos und schwach.

Vielleicht ist eine Krippe dazu viel zu vertraut;

Nehmen wir also für diesen Versuch statt einem Baby ein anderes Symbol für echte Hilflosigkeit, für Bedürftigkeit und dafür, auf andere angewiesen zu sein:

stellen wir uns kein Baby vor, sondern einen alten Menschen, und nicht einen rüstigen Rentner, wie der Herr Meister einer gewesen ist, aufrecht, mit Rollator und Hut,

sondern stellen wir uns einen echten Pflegefall vor. Im Pflegebett. Mit Gittern rechts und links, und mit Dekubitusmatratze.

und als solcher zeigt sich uns Gott in der Krippe. Hilflos.

Malen Sie sich aus, Gott wäre wirklich hilflos.

Was das bedeuten würde für uns und für unsere Welt.

Für unseren Alltag.

Für unsere Hoffnung.

Für den Sinn unseres Lebens.

Wenn Sie so einmal über Weihnachten nachdenken und dann die Augen öffnen, dann können Sie vielleicht Ihren ganzen Glauben und alles, was Sie sonst noch wissen von Gott, wieder richtig schätzen. Wie das rechte Bein.

Gott sei Dank ist die Krippe nicht alles.

Gott sei Dank ist Jesus nicht klein geblieben, nicht hilflos und schwach, nicht niedlich und harmlos,

Gott sei Dank ist Weihnachten mehr als Idylle und Krippe und Stille Nacht: Christus, der Retter, ist da! Frohe Weihnachten.

Amen.

 

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