Über den roten Teppich: Palmsonntag Drucken
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Dienstag, den 23. April 2019 um 07:03 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

Jesus hat gewusst, was er tut.

Das muss ihm klar gewesen sein:

- wenn er zum jetzigen Zeitpunkt, kurz vor dem Passahfest, nach Jerusalem geht, riskiert er Aufsehen. Und obendrein nimmt er nicht die stillen Seitenstraßen, sondern lässt es - ganz im Gegenteil - zu, dass ihn die Leute erkennen, dass sie ihm zujubeln und ihn feiern.

Und der Gipfel: Er provoziert auch noch und setzt sich auf einen Esel, signalisiert damit den Gebildeten, dass er sich für den Messias hält.

Er hat gewusst, was er tut.

Offensichtlich fand er, es ist Zeit:

Zeit für die Konfrontation,

Zeit für die Provokation,

Zeit für die Eskalation.

Er wusste, was ihm droht, da bin ich mir sicher;

er wusste aber auch, was Gott letztendlich von ihm erwartet, und er fand offensichtlich, jetzt ist es an der Zeit: Es ist Zeit, ernst zu machen.

Es ist Zeit, zu sterben.

Er beendet die Zeit seiner Wanderschaft mit den Jüngern. Bestimmt nicht leichten Herzens; die haben gute Zeiten miteinander gehabt. Lange Spaziergänge, tiefsinnige Gespräche, immer wieder Wunderheilungen, sicher hat Jesus diese freundschaftliche Verbundenheit und den Erfolg genießen können. Wir hatten das jetzt in der Langau auch, nicht nur eine hat mir gesagt, schade, dass das schon vorbei ist. Warum nur ein Wochenende? Warum nicht länger?

Vielleicht hätte Jesus gern noch ein Jahr drangehängt - Wanderungen mit seinen Freunden, Predigen, heilen, Wasser zu Wein machen, feiern, Brot vermehren... Es hätte ihn vermutlich niemand gehindert.

Aber er zieht in Jerusalem ein. Begibt sich - aus dem geschützten Bereich des Privaten - ins Zentrum der Aufmerksamkeit,

über den Roten Teppich!

Er zeigt sich. Er steht zu sich selber.

Zieht die Blicke auf sich und nimmt den Jubel entgegen. Er lässt sich huldigen, er badet in der Menge und im Applaus. Ich stell mir das sehr würdevoll vor, trotz oder gerade wegen dieses Eselchens:

Jesus hält sich für den Sohn Gottes, für den Erlöser; und dafür steht er jetzt auch ein.

Privat und für sich kann sich ja jeder halten, wofür er will;

diese Selbsteinschätzung bewährt sich ja erst, wenn sie auch unter Beschuss gerät, und das riskiert Jesus jetzt, in der festen Überzeugung: den Rummel und die Bewunderung der Menschen bin ich auch wert. Ich bin hier, auf dem roten Teppich, im Zentrum des Jubels, und ich bin hier genau richtig! Das strahlt der auch aus.

Herrmann Hesse schreibt: "Jeder, der das wirklich tut und lebt, wozu er fähig ist, ist ein Held!" - drum ist Jesus am Palmsonntag ein Held, und das spüren die Menschen.

Menschen jubeln immer gern einem Ideal zu;

aber auch Jesus kann dieses Gefühl von Würde, diese Haltung, nicht aus sich selbst raus entwickeln. Er braucht dazu die Resonanz von anderen, und das passiert bei diesem Einzug in Jerusalem: er wird gewürdigt und erfährt die Wertschätzung von anderen.

Was sind Sie sich wert?

Wie nehmen Sie Ihren eigenen Wert wahr,

wann fühlen Sie sich gewürdigt?

Woran merken Sie es, dass Sie respektiert werden?

Was Sie sich wert sind, das können Sie nicht nur aus sich selbst heraus erschließen. Der Wert, den sich ein Mensch selbst zuspricht, ist ein Gefühl, ein Gefühl der Würde,

Vielleicht hat Jesus an diesem Palmsonntag sein Bewußtsein für seinen eigenen Wert gestärkt. Die eigentliche Aufgabe unseres Lebens besteht darin, der (oder die) zu sein, der/die wir selber eigentlich sind, und vielleicht hat Jesus den Roten Teppich, den Palmsonntag, gebraucht, um alles danach durchzuhalten: Den Prozess. Die Erniedrigung und die Demütigung, sein Sterben, den Tod.

Er hat vorher nochmal richtig Zuspruch und moralische Unterstützung aufgeladen und aufgetankt.

Dass die dieselben Menschen, die heute jubeln, ihn morgen verurteilen werden, das dürfte Jesus gewusst haben, aber mit ihrer Zustimmung am Palmsonntag haben sie ja trotzdem recht gehabt. Auch wenn sie bei dieser Zustimmung nicht bleiben und dann nicht mehr recht haben.

Aber am Palmsonntag schon. (Wären sie nur dabei geblieben!)

Jesus weiß - Jesus nimmt es hin, dass auf den Jubel der Niedergang folgen wird, dass das Blatt sich wenden wird. Der Ruhm ist vergänglich,

der Platz auf dem Roten Teppich nur vorläufig;

das geht uns allen so -

und es ist weise, wenn wir uns das immer mal wieder vor Augen halten:

- unser guter Stand, unser Ruf ist allenfalls vorläufig, nur geliehen.

- Unser Hab und Gut ist vergänglich,

- unsere Partnerschaften sind zerbrechlich - spätestens mit dem Tod;

- unsere Kinder gehören uns nicht,

- unsere Heimat bleibt uns eventuell nicht,

alles wird uns geliehen, maximal bis zu unserem eigenen Tod;

und vielleicht badet Jesus im Jubel des Palmsonntags auch, um sich emotional drauf vorzubereiten, dass er alles verliert.

Er hat nur noch wenige Tage zu leben.

Aber Jesus weiß, wofür er lebt. Und für wen er lebt.

Jesus lebt für Gott.

Wofür leben Sie?

Es ist gut, wenn Sie das wissen: für was oder wen brennt im Letzten Ihr Herz, wofür stehen Sie ein, wenn Ihnen alles genommen wird? Was ist das Entscheidende, was Ihnen keiner nehmen kann?

Jesus weiß: ich bin Gottes Sohn und erlöse die Welt. Das kann ihm keiner nehmen,

und damit geht er mitten hinein - erst hinein nach Jerusalem, und dann hinein in die Welt.

Jesus ist nicht bescheiden.

Nicht "moralisch perfekt, politisch korrekt und irgendwo fern von dieser Welt".

Das ist der Dalai Lama. Der möchte seine eigenen Wünsche abtöten, der zieht sich zurück und hält sich raus, und das Ziel ist es, sich das Nirwana zu verdienen: aus dieser Welt zu verschwinden.

Aber Jesus will sich nicht das Nirwana verdienen. Nicht aus der Welt verschwinden.

Der will die Welt erlösen, und drum flüchtet er nicht aus dieser Welt hinaus, sondern geht über den Roten Teppich mitten in diese Welt hinein: und als allererstes hinein in den Konflikt, in die Verhaftung und den Prozess.

Denn nicht in dem, was wir Menschen tun, begründet sich unser Christsein, sondern in dem, was er tut, Gott, Jesus, darin begründet sich unser Christsein. Es gibt keinen Sieg über das Böse ohne diese Hingabe, ohne das Scheitern und den Schmerz, und bevor Jesus uns an die Welt verliert, opfert er lieber sich selbst.

Er hat nur noch ein paar Tage zu leben.

Wenn Sie - sagen wir, nur noch ein paar Monate zu leben hätten, und Sie wüssten es:

was wäre Ihnen das wichtigste?

Was würden Sie tun, damit es die besten Monate sind, die Sie je erlebt haben?

Was wäre das Schwierigste für Sie?

In welcher Haltung, in welcher Stimmung möchten Sie diese Monate erleben, und

welchen letzten, größten Wunsch haben Sie?

Wie werden Sie ihn verwirklichen?

Wir haben in den letzten Monaten einige Sterbefälle gehabt von eher jungen Menschen, Frau Puchert war 45, Herr Kraus 38; die Jahre allein sagen nichts aus, welchen Wert dieses Leben hatte. Wir haben auch schon Babies beerdigt.

Und der Sinn des Lebens ist nicht erst wichtig, wenn es ans Sterben geht; der Himmel ist nicht nur für die Sterbenden da, er steht jedem von uns offen. Jetzt.

Herrmann Hesse schreibt: "Euer Leben hat genau so viel Sinn, als ihr selbst ihm zu geben vermögt!" Ich meine, Sinn ist das, was sich lohnt - es ist wichtig, einen Sinn zu haben für das ganz eigene, die eigene innere Festung, ein bisschen Eigen-sinn.

Vielleicht hätte mancher Jünger oder die Mutter von Jesus, Maria, ihn gerne abgehalten von dieser Aktion am Palmsonntag:

Geh nicht ausgerechnet jetzt nach Jerusalem!

Und wenn, dann bitte nicht über die Hauptstraße,

nicht mitten durch die Menge! lass dich abschirmen von der Öffentlichkeit!

und lass um Himmels willen das mit dem Esel und geh zu Fuß wie jeder andere! Du provozierst sie doch bloss!

Seine Mutter dürfte über ihn die Haare gerauft haben, wie sich Teenagermütter manchmal die Haare raufen über ihre Söhne und Töchter.

Und wenn Jesus heute unter uns leben würde, würden wir uns auch über ihn die Haare raufen.

Wir uns über ihn, er sich über uns; wir könnten uns unglaublich übereinander aufregen, genau wie die Jesus und die Menschen damals.

Denn Leben und Glauben sind eine Sache der Leidenschaft, und unser Gott kennt das ganze Repertoire der Gefühle, auch Wut und auch Trauer und Liebe und Zorn. Unsere Emotionalität ist Teil unserer Gottebenbildlichkeit;

wir haben Gefühle, weil wir Gott ähnlich sind, und Jesus hat Gefühle, weil er Gott ist und zugleich Mensch.

Lassen Sie Jesus am Roten Teppich einziehen in das Zentrum Ihres Lebens, Ihres Fühlens und Denkens und Ihrer ganzen Existenz;

bejubeln Sie ihn, auch wenn Sie ihn immer wieder auch mal verraten und verleugnen, aber kehren Sie immer wieder zu ihm zurück und lassen Sie ihn Ihrem Leben Sinn schenken.

Denn (Joh 12, 19): Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet: siehe, alle Welt läuft ihm nach.