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Gottesdienst am 2. Juni 2019 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Kathrin Frowein   
Montag, den 03. Juni 2019 um 06:53 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

Jesus hat gern Geschichten erzählt.

Die Leute haben offensichtlich gern zugehört, ihm an den Lippen gehangen, warum? weil immer irgendwas Überraschendes, etwas Verblüffendes dran war. Bei uns funktioniert das nicht mehr so recht;

schon die Konfirmanden haben die Jesus-Geschichten schon oft gehört,
Kindergottesdienst, Religionsunterricht, selbst die, die wirklich nur ganz selten kommen und nie selbst zur Bibel greifen, um drin zu lesen, selbst die kann man schwer überraschen mit dem, was Jesus erzählt hat.

Im Mittelalter, für Martin Luther etwa, da muss das völlig anders gewesen sein.
Es gab keinen Kindergottesdienst, keinen Religionsunterricht, keine Kinderbibel.

Es gab die Kirche, mit lateinischen Gottesdiensten - kein Mensch konnte Latein -
und es gab die Bibel: das Alte Testament auf Hebräisch und das Neue auf Griechisch.

Auch die meisten Pfarrer hatten kaum eine Ahnung. Die konnten die Messe lesen, aber Hebräisch und Griechisch konnten die nicht,

ich bin mir sicher, unsere Konfirmanden wissen heute von der Bibel erheblich mehr als im Mittelalter der normale Dorfpfarrer gewusst hat. Es wurde halt an der richtigen Stelle in der Messe mit Glöckchen geklingelt, damit die Gläubigen aufgemerkt haben: jetzt wird die Hostie gewandelt. Mehr haben die nicht verstanden. Die konnten ja nichtmal lesen.

Martin Luther hat Theologie studiert und die Alten Sprache gelernt,
und dann hat er sich drangesetzt und mal selber nachgelesen, was Jesus erzählt hat -

und der war wie vom Donner gerührt.

Das war dem alles völlig neu - und vielleicht war er fast so gebannt wie die Leute damals, die Jesus an den Lippen gehangen haben, denn auch er hat das alles zum ersten Mal gehört!

Und wie die Zuhörer damals war Luther überwältigt von dem, was er da gehört und verstanden hat.

(In klein hab ich das auch erlebt, als ich in Tschechien gearbeitet hab. Tschechien ist praktisch völlig entchristlicht, wo ich gewesen bin. Ich hab tschechischen Jugendlichen von Jesus erzählt. Die hatten davon davor tatsächlich noch nie was gehört,

für die war das so neu und so unbekannt, dass es schon wieder kultig war.)


Jesus hat Gleichnisse erzählt; und die waren so gestaltet, dass sich die Zuhörer unwillkürlich identifiziert haben. Etwa wenn er was erzählt hat von einem reichen Pharisäer und einem armen Zöllner, dann sollten sich die Leute natürlich unwillkürlich stillschweigend identifizieren mit dem Pharisäer, mit dem Guten -, und der Zöllner ist der, der irgendwas falsch macht.

Die Steuern nicht zahlt, die Fastenzeiten nicht einhält, irgend so etwas.

Sie wissen alle, wie die Geschichte ausgeht: Jesus sagt, dass es darauf weniger ankommt als auf diese zerknirschte Haltung, mit der der Zöllner sagt, ich bin Gottes Liebe eigentlich gar nicht wert.

Gott sei mir Sünder gnädig.
 Und mit dem sollten sich die Zuhörer - völlig überraschend - künftig identifizieren, sollten ihre Haltung vor Gott ganz grundsätzlich überdenken und sich von dieser Geschichte infrage stellen lassen.

Sie wissen das alle schon. Die Leute damals wussten das nicht. Denen ist die Luft weggeblieben, nie hätten die sich mit dem Zöllner identifiziert, das war unerhört! und sie HABEN sich verunsichern lassen.

Oder bei der Geschichte mit dem barmherzigen Samariter:
der Samariter ist der Outlaw, unwillkürlich identifizieren sich die Leute damals mit dem Priester, der gewissenhaft und pünktlich zum Tempel eilt, und mit dem Leviten, der die kultischen Gesetze zur Reinlichkeit einhält und kein Blut anfasst, ehe er zum Gottesdienst geht.

Bei uns identifiziert sich kein Mensch mit denen,
wir haben die Geschichte ja auch schon x mal gehört.

Wir wissen auch das mit dem Senfkorn schon:
es ist das kleinste unter den Samenkörnern,
wie kann Jesus das Reich Gottes mit so einem Brösel vergleichen? Wir haben es schon x mal gehört, den Menschen damals hat das den Atem verschlagen.

Aber ein winziges Körnchen an Wahrheit reicht für unseren Gott.
Ein winziges Bröserl an Glauben.
In einem ganzen Acker voll Steinen und Erde reicht eine winzige Perle, damit der ganze Acker unglaublich kostbar wird.

Letztes, mir heute wichtigstes Beispiel: in der Geschichte vom verlorenen Sohn reicht ein kleines Detail - nämlich, dass der abgerissene Typ vor der Tür des barmherzigen Mannes sein eigener SOHN ist - damit der alte Mann seine Arme ausbreitet und ihn aufnimmt und ein Fest feiert.

Wir haben heute eine Bibelstelle aus dem Epheserbrief gehört.
Ein Apostel, ein Schüler von Paulus, beschreibt,

wie er selber vor Gott kniet, ihn also völlig anerkennt und verehrt,
und seine Hände erhebt, um für andere zu beten, für die vielen anderen,
die Gott noch nicht so gut kennen wie er;

und er bitte für diese anderen, dass Gott an ihnen handeln möge,
sie stärken, sie fromm machen, sie auch zum Glauben führen wie den Apostel selbst.

Ist ja ein tolles Vorbild,
für jeden und jede von uns, auch für die ganze Kirche insgesamt, oder?
Schließlich beten auch wir Gott an und meinen, dass wir ihn kennen, wie der Apostel.

Idealerweise identifizieren wir uns ein wenig mit ihm.

Genauso, wie sich die Menschen zu Zeiten Jesu unwillkürlich mit dem Pharisäer identifiziert haben, der in den Tempel kommt und sagt, ich mach doch alles richtig, ich faste, ich bete, ich zahle den Zehnten, Gott sei Dank, ich steh auf der richtigen Seite.

Und jetzt kommt Jesus daher und sagt, der andere! der Sünder, der sich zerknirscht an die Brust schlägt und sagt, Gott sei mir Sünder gnädig, DER macht es richtig! DER geht gerechtfertigt in sein Haus!

Übertragen wir diese Umkehrung der Verhältnisse mal auf unsere kleine Gruppe, die sonntags zum Gottesdienst kommt - und die - sagen wir wohlwollend - neunzig Prozent der Gemeindeglieder, die heute morgen nicht da sind.

Die sind ja nicht da, weil sie das für unwichtig halten, was wir hier besprechen und feiern. Die fragen zwar auch nach Gott; die finden ihn aber woanders, die stellen ihn sich anders vor, nicht so, dass man hier sonntags zusammenkommen und in unserer Form über ihn nachdenken und ihn feiern muss. Wer hat jetzt recht?

Wir haben die Bibel auf unserer Seite. Gottes Offenbarung.
Demnach hat sich Gott vor zweitausend Jahren, kurz nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt, das letzte mal offenbart durch die Schriften des Paulus; danach war Schluss. Die Bibel war fertig geschrieben, ein paar alte Kirchenmänner haben festgelegt, jetzt kommt nichts mehr dazu.

Die Kirchenmänner waren sich da einig. Ich weiß nicht, ob Gott auch dieser Meinung war, vielleicht offenbart er sich ja einfach weiter. Wir kriegen es nur nicht mehr mit.

Gottes Geist weht, wo er will, darum geht es nächste Woche an Pfingsten; er offenbart sich garantiert auch heute noch, und zwar garantiert auch außerhalb dieser Kirche.

Martin Luther hat diese vollen Kirchen erlebt, in denen die Leute kein Wort verstanden haben, weil alles lateinisch war; er hat ihnen seine deutsche Übersetzung der Bibel in die Hand gedrückt und gesagt, lest das doch mal selber! ihr braucht nicht stumm in der Messe zu sitzen und brav drauf zu warten, dass da vorne die Glöckchen zur Wandlung klingeln, geht heim und lest selber, betet selber, wie euch der Schnabel gewachsen ist; lasst nicht irgendwo in der Kirche den Chor lateinische Lieder singen, sondern schmettert selber die Gassenhauer, die ihr im Herzen habt, und singt sie für euren Gott! das ist vielleicht nicht schön, aber Gott findet es prima, weil es von Herzen kommt!

Die Kirchenleute damals waren empört.

Martin Luther hat fest drauf vertraut, Gott offenbart sich jedem Menschen persönlich, wenn er nur will, und dazu brauchen die Menschen den Papst und die Priester nicht. Priestertum aller Gläubigen. Und da sind wir heute. Der Gottesdienst sonntags ist leer.

Die Zahl der Zugehörigen, der getauften Kirchenmitglieder, ist nach wie vor hoch, es sind immer noch viele NICHT ausgetreten. Warum? offensichtlich finden sie es irgendwo durchaus gut, dass es die Kirche gibt. Sie finanzieren sie mit, und nicht zu knapp. Ein durchschnittlicher Haushalt in Garching lässt sich die Mitgliedschaft in der Kirche jedes Jahr fünfhundert Euro kosten, manche auch sehr viel mehr. Sie finanzieren sie, aber sie nehmen sie nicht in Anspruch;

das heißt, sie finden es grundsätzlich gut, dass es die Kirche gibt, aber wir als Kirche, wir machen irgendwas falsch.

Die kommen nicht, weil sie sich Gott irgendwie anders vorstellen.
Und vielleicht ist an ihren Vorstellungen durchaus ein Körnchen Wahrheit dran.
Wie beim Schatz im Acker.

Vielleicht stimmt irgendein wichtiges Detail wie beim verlorenen Sohn.

Wir sollten die Gottesvorstellungen all der vielen, die da nicht kommen, kennenlernen.
Sollten sie prüfen an der Heiligen Schrift, ganz klar -
und wir sollten das Körnchen Wahrheit suchen, damit wir nicht das verpassen, was Gott unserer Zeit offenbart und wo er sich offenbart.

Wer betet hier für wen? wer ist an Gott dran und wer hat sich entfernt?

Vielleicht sind wir gar nicht wie der Apostel, der vor Gott kniet und für die anderen betet. Vielleicht sind wir ja "die anderen", die Gott erstmal wieder erleuchten und stärken muss durch seinen Heiligen Geist. Vielleicht sind ja wir diejenigen, die die Fürbitte brauchen und an denen Gott handeln muss.

Vielleicht sind wir - um im Gleichnis vom verlorenen Sohn zu sprechen - gar nicht der brave Sohn, der treu beim Vater geblieben ist.

Nachdem bei uns so viele Bänke leer sind, nachdem unsere Kirche bis auf diesen einen Vormittag allermeistens die ganze Woche leer steht, die Leute nicht mehr kirchlich heiraten, die Kinder nicht taufen lassen- vielleicht sind wir ja am falschen Dampfer. Vielleicht sind wir es, die das ganze Erbe verprasst haben. Den Kontakt verloren haben zum Vater, zu seiner Offenbarung in der Fremde, in der Gegenwart, in der modernen Welt. Von dem der Vater am Ende sagt, "dieser Sohn war tot."

Mit bestem Wissen und Gewissen: wir haben Steuern gezahlt, wir haben die Regeln eingehalten, wir haben die Rituale absolviert, wir stehen ansich gut da. Nur halt auf verlorenem Posten.

Und die anderen, die Nicht-Kirchgänger, die haben auch immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie anspreche, etwa beim Hausbesuch, "hmmmm, wir sind nicht so die Kirchgänger....", der Zöllner im Tempel würde noch anfügen, "Gott sei mir Sünder gnädig!"

Aber ein winziges Körnchen an Wahrheit reicht für unseren Gott.
Ein winziges Bröserl an Glauben -

und dieser ging gerechtfertigt in sein Haus. Amen.

 

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